Wellness Südtirol
In einem Wellnesshotel in Südtirol vom Alltag abschalten und auftanken
10. November 2010
Die World Intellectual Property Organization als mächtige Unterabteilung der Vereinten Nationen dürfte dabei die richtige Stelle sein, um in diesem Zusammenhang einen Hebel anzusetzen, mit dem auch Einfluss auf die Regierungen genommen werden kann. Wobei es klar sein muss, dass es beim Thema "geistiges Eigentum" um die Interessen der verschiedensten Industriezweige geht, die weltweit nicht Milliarden, sondern Billionen Euro erwirtschaften.
Lessigs Bemühen gilt dagegen in erster Linie den Inhalten der Unterhaltungsindustrie und den von ihr beanspruchten Urheberrechten, sei es auf Musikstücke, Bilder, Filme, Texte, Bücher, Spiele oder vergleichbare Inhalte. Die Unterhaltungsindustrie insgesamt muss sich nach Meinung Lessigs auf neue Regeln einstellen, denn in einer digitalen Umgebung versagt das bisherige Urheberrecht.
Nicht nur Lessigs Beobachtung ist es, dass im Internet einerseits "Abolutionismus" zu beobachten ist, also die bewusste Missachtung des Urheberrechts (Wikipedia: vom englischen abolition = Abschaffung, Aufhebung, bezeichnet eine Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei). Andererseits führt das wiederum dazu, dass die jüngere Generation in beängstigendem Ausmaß kriminalisiert wird. Früher - so Lessig - wurden Bücher gelesen, verliehen und weiter verkauft. Das alles geschah im unregulierten Raum und war keine "faire" , sondern einfach nur freie Nutzung. Es gab keine Notwendigkeit, diese Handlungsbereiche zu regulieren.
Doch in der heutigen digitalen Umgebung ist jede Nutzung eines Inhalts mit der Erstellung einer Kopie verbunden. Für den typischen Anwender bedeutet dies, dass er kaum eine Stunde das Internet benutzen kann, ohne mit dem Urheberrecht in Konflikt zu geraten - sei es bewusst oder unbewusst. Wenn in dieser Situation eine ganze Generation die Regeln des Urheberrechts zu missachten scheint, dann liegt das nicht an mangelndem Respekt, sondern an einem Design des Urheberrechts, das der Situation nicht mehr gerecht wird.
Die WIPO fordert Lessig daher dazu auf, eine "Blue Sky Commission" ins Leben zu rufen, die in vollständiger Freiheit über eine neue Architektur des Urheberrechts nachdenken kann. Seine eigene Konstruktion der Creative Commons-Lizenzen sei in diesem Zusammenhang zwar als Hilfe in der heutigen Situation zu sehen, aber keine umfassende Lösung. Die von ihm geforderte neue Architektur, die es zu entwickeln gilt, muss dabei vor allem einfach sein. Denn wenn sie dazu dienen soll, das Verhalten von 15jährigen zu regulieren, dann müssen 15jährige auch in der Lage sein, diese Regeln zu verstehen.
Lessig lässt dabei die historische Dimension des Ganzen nicht außer acht. Denn wie er es darstellt, war die ganze Kulturgeschichte vom "read-write" geprägt. Womit er meint, dass Menschen immer die Werke anderer nicht nur rezipierten, sondern auch kopierten und weiterentwickelten. Das 20. Jahrhundert aber hat eine einzigartige Veränderung mit sich gebracht. Die in diesem Jahrhundert entwickelten Technologien zur Distribution von Werken wie etwa der Rundfunk oder die Vinyl-Schallplatten haben zwar für eine "effiziente Konsumtion" gesorgt, aber zugleich eine "ineffiziente Amateur-Produktion" geschaffen.
Das 20. Jahrhundert schuf damit eine Kultur des "read only" - bis gegen Ende des Jahrhunderts mit der Entstehung des Internet eine neue Umgebung geschaffen wurde, die das read-write wieder zurückbringt. Doch der inzwischen entstandene urheberrechtliche Rahmen führt dazu, dass es zu einem Krieg gegen die "Piraten" kommen musste. Ein Krieg, der bisher nicht gewonnen werden konnte, und der tendenziell nur zu einer Verschärfung der Strafen geführt hat. Das wiederum befördert die Verweigerungshaltung der Abolutionisten und gefährdet damit die Grundwerte des Urheberrechts, die Lessig im Grunde unterstützt.
Was seine Rede bei der WIPO bewirken wird, ist allerdings fraglich. Bei der UN-Abteilung spielen die wirtschaftlichen Interessen eine herausragende Rolle und neben dem Problem der 15jährigen Piraten stellen sich dort noch weit gravierende Fragen, wie etwa die nach dem Umgang mit Urheberrechten in Entwicklungs- und Schwellenländern. Man kann annehmen, dass die Verantwortlichen vor dieser Bandbreite von Problemen eine grundsätzlich neue Diskussion der Schutzrechte eher scheuen und eher auf eine Anpassung der vorhandenen Rechtsgrundlage etwa durch Staatsverträge setzen.
Vielleicht gelingt es dem Visionär Lessig in diesem Fall wenigstens, einen neuen Blickwinkel in die Diskussion zu bringen. Mehr zu erwarten ist vermutlich unrealistisch.
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