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Weniger News als ein Lesetipp: Kay Hamacher, Professor für Bioinformatik an der TU Darmstadt, hat sich mit den Ideen des Wikileaks-Gründers Julian Asssange beschäftigt und diese auf den analytischen Prüfstand gestellt. Er kommt zusammenfassend zum Ergebnis, dass Assanges Gedankengebäude zur Bedeutung des "Leaking" von Informationen für die Entwicklung der Gesellschaft vermutlich falsch ist.

Es mag zunächst merkwürdig klingen, wenn diese Einschätzung von einem Biologen kommt. Doch er erkennt in der (anhand verstreuter Dokumente rekonstruierten) Theorie Assanges zur Dynamik sozialer Systeme eine Art simplifizierten Biologismus, auch wenn es um die Dynamik und Adaption sozialer Normen und Institutionen geht.

Ganz allgemein scheint die inhaltliche Auseinandersetzung mit Assanges Grundgedanken notwendig .Und zwar auf beiden Seiten, bei den Wikileaks-Unterstützern als auch bei jenen, die Assange am liebsten auf dem elektrischen Stuhl sähen.

'Leaking', nicht 'Whistleblowing'

Das beginnt schon mit einer grundsätzlichen Feststellung, die Hamacher in einem aktuellen Artikel der Süddeutschen seinen Ausführungen voranstellt (ausführlicher: PDF-Dokument): Whistleblowing und Leaking sind nicht synonym, auch wenn die beiden Begriffe im Zusammenhang mit Wikileaks oft gebraucht werden, als seien sie austauschbar.

Whistleblowing meint, sich (als letzten Ausweg) an die Öffentlichkeit zu wenden, um "problematische Strukturen und Vorgänge zu enthüllen". Ein Begriff also, der positiv besetzt, aber nicht unproblematisch ist, wie ein aktuelles Beispiel zeigt.

Wie trennscharf ist Whistleblowing im konkreten Fall?

In der Schweiz wurden die Nachrichten in den letzten Tagen von der "Affäre Hildebrand" dominiert. Es ging dabei grob zusammengefasst um Devisengeschäfte des Chefs der Schweizer Nationalbank. Dessen Frau hat im August letzten Jahres 500.000 Dollar gekauft. Weil aber die Nationalbank unter Leitung ihres Gatten zwei Wochen später den Franken durch die Ankündigung eines Mindesttauschkurses künstlich schwächte, wurde bei dem Geschäft ein theoretischer Gewinn von 75.000 Dollar erzielt.

Die Affäre scheint inzwischen schon wieder fast abgeschlossen. Bankpräsident Philipp Hildebrand hat die Vorwürfe im Unterschied zu manch anderem Präsidenten souverän angepackt, die Vorgänge transparent gemacht, sich für mögliche Fehlentscheidungen öffentlich entschuldigt und die ihm vorgeworfene Gewinnmitnahme durch eine großzügige Spende an eine caritative Einrichtung aus der Welt geschafft.

Doch die Rolle des Informanten ist noch nicht geklärt. Dieser, ein IT-Mitarbeiter der Bank, über die das Geldgeschäft abgewickelt wurde, sieht sich wohl selbst als Whistleblower. Gegenüber der Polizei gab er an, dass es hier möglicherweise um einen Fall des Insider-Handels geht, um ein Offizialdelikt also, dem die Staatsanwaltschaft sogar ohne Anzeige nachgehen muss. Doch er wandte sich mit seinem Wissen nicht an die Polizei oder an die Staatsanwaltschaft und auch an keine Kontroll- bzw. Meldestelle der Banken.

Er kontaktierte vielmehr einen Anwalt, der wiederum der (populistischen) Schweizerischen Volkspartei SVP (Wikipedia) nahesteht. Deren Vertreter sind zumindest teilweise als erklärte Gegner des Vorgehens der unabhängig agierenden Nationalbank gelten können.

Ist der Informant in der Affäre Hildebrand nun ein Whistleblower oder nicht?

Ein Vertreter von Transparency International Schweiz macht Whistleblowing von zwei Merkmalen abhängig:

  • Erstens muss der Whistleblower im guten Glauben handeln, dass ein Fehlverhalten vorliegt. Dieser gute Glaube muss nachvollziehbar sein.
  • Zweitens muss der Missstand einer zuständigen Instanz gemeldet werden.

Der erste Punkt kann als bestätigt angenommen werden, der zweite ist dagegen zu verneinen.  Der politisch engagierte Anwalt war für ein Whistleblowing die falsche Adresse.

Faktisch muss man allerdings zu bedenken geben, dass spätestens die Medienrealität den Fall nach seinem Ausgang bewertet. War das Geldgeschäft rechtswidrig und der Banker tritt zurück, war es Whistleblowing, der IT-Mann wird in den Medien zum Held. Wird das Handeln des Präsidenten als koscher eingestuft und er bleibt im Amt, dann hat der IT-Mann das Bankgeheimnis verletzt und wird vielleicht sogar als politischer Denunziant eingestuft.

Ungeachtet der Motivation

Für Assange wiederum stellt sich Frage "Whistleblower ja oder nein?" zunächst einmal gar nicht. Die Ideen des Wikileaks-Gründer drehen sich nicht um das Whistleblowing, sondern um das Leaking. Es geht also nicht um die Beseitigung von Misständen, denn die "Motivation desjenigen, der leakt, ist in Assanges Ansatz irrelevant" (Hamacher).

Hier kommt nun der simplifizierte Biologismus zum Tragen, von dem Hamacher spricht, denn Assanges Grundgedanke ist es, dass es in der Gesellschaft gerechte und ungerechte Gruppen gibt. Wobei letztere ("Verschwörungen", "Konspirationen", "Conspiracies") stärker auf Geheimhaltung angewiesen sind, weil ihre fragwürdigen Ziele das notwendig machen.

Leaking ist in diesem Denken ein Allheilmittel, denn das Offenlegen von Informationen schwächt langfristig vor allem die ungerechten Gruppen. Am Ende kann aufgrund des Leaking die Gerechtigkeit in der Gesellschaft obsiegen.

Doch diese Therie berücksichtigt nicht genügend die Auswirkungen von Rückkopplungseffekten auf gerechte und und ungerechte Gruppen, meint der Biologe. Wobei Hamacher damit das Vorhandensein von Rückkopplungen meint, wie sie auch die evolutionäre Entwicklung regelmäßig beeinflussen.

Auswirkungen auf die externe Kommunikation

Zu diesen Rückkopplungseffekten zählt Hamacher beispielsweise die "durch allgegenwärtiges Leaken induzierte Paranoia", die sich etwa in Gestalt von Selbstzensur äußert und die gerechte Gruppen ebenso trifft wie ungerechte: "Die Außenkommunikation und damit die Transparenz für den Bürger wird eingeschränkt. Gleichzeitig tendiert dies zu einer Reduktion von Dokumentation, so dass Nachvollziehbarkeit und Verantwortungszuordnung nur noch unvollständig erfolgen".

In einer Gesellschaft, in der gerechte Gruppen überwiegen, skaliert dieses Problem und der Gesamtschaden ist demzufolge für die gerechten Gruppen größer als für die ungerechten. Ein Problem, das Assange offenbar nicht sieht, auch wenn er mögliche Nachteile des Leaking für gerechte Gruppen nicht ausschließt.

Auswirkungen auf die interne Kommunikation

Eine weitere mögliche Rückkopplung betrifft die Auswirkungen, die das Leaking auf die interne Kommunikation hat. Die von Wikileaks veröffentlichten "diplomatic Cables" haben dazu geführt, dass die US-Regierung - für Assange eine ungerechte Gruppe - ihre interne Kommunikation angepasst hat.

Weil die Cables vielen Menschen zugänglich waren - eine Reaktion wiederum auf das Versagen einer Politik der Abschirmung von Information vor den Terrorangriffen 2001 - konnte das Leaking überhaupt erst stattfinden. Wenn nun wieder schärfere Zugriffskontrollen eingeführt wurden und eine erneute Abschottung einzelner administrativer Einheiten der US-Regierung zu beobachten ist, so sieht Assange dies als grundsätzlich positiv an.

Doch diese Grunddannahme ist falsch, meint Hamacher Es ist ebenso gut möglich, dass dies auch positive Einflüsse für die "Verschwörung" mit sich bringen kann. Denn jetzt ist die Konspiration für die Mitglieder der Gruppe selbst nicht mehr erkennbar. Um es salopp zu sagen: Der Gefreite Manning würde unter diesen Bedingungen nicht mehr erkennen können, wie "ungerecht" der Krieg seines Landes im Irak ist und schon mangels Zugang zu den Daten würde er kein Leaking mehr vornehmen. Die Ungerechtigkeit wird gestärkt, weil sie nicht mehr für alle Mitglieder der Gruppe erkennbar ist.

Ob die Auswirkungen auf die interne Kommunikation der Ungerechten unterm Strich positiv oder negativ sind, ist vom Einzelfall abhängig. Nach dem theoretischen Überbau, den man Assange zuschreibt, ist Leaking aber für ungerechte Gruppen grundsätzlich von Schaden.

Zu verwissenschaftlicht?

Ob die von Assange produzierten Mails, Statements, Interviews und andere Dokumente wirklich als widerspruchsfreie theoretische Grundlage einer Leaking-Theorie der Gesellschaft dienen können, ist dabei noch die Frage. Ebenso ist es die Frage, ob die von Hamacher auf theoretischer Ebene angestelte Kritik dem gerecht wird.

Doch die Gestalt, die Assange seinem Projekt Wikileaks gegeben hat, bestätigt schon weitgehend die zuvor zusammengefassten Gedanken. Das betrifft insbesondere den Verzicht auf eine Wertung der Motivation des Leakers, denn eine Unterscheidung zwischen Whistleblowing und Leaking findet wie gesagt nicht statt.

Das könnte ein grundsätzliches Problem des Wikileaks-Modells sein. Wobei die Einführung einer Rolle als moralische Instanz vermutlich erst recht ein Fallstrick für Wikileaks wäre.



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