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24. Juni 2008
Die Washington Post widmet der zunehmenden Nutzung des Internet durch die Terrorgruppe Al Qaida einen umfangreichen Beitrag. Darin geht es sowohl um die quantitative als auch die qualitative Entwicklung dieser Online-Nutzung, die offenbar von der US-Regierung vollkommen falsch eingeschätzt worden ist.
Die Regierung hat einerseits die sich bietenden Gelegenheiten verpasst, die Online-Operationen der Terroristen zu unterbrechen. Andererseits hat man es verabsäumt, den ideologischen Botschaften der Al Qaida etwas Gleichwertiges entgegen zu setzen. Was insgesamt dazu führt, dass die Terrorgruppe ihre Botschaft im Internet besser kommuniziert, als die Vereinigten Staaten.
Ein Eingeständnis, das nicht etwa von irgend einem anonymen Subalternen der US-Geheimdienste stammt, sondern von US-Verteidigungsminister Robert Gates selbst. Was das in der Praxis bedeutet, zeigt sich beispielsweise an der regen Nutzung des Internet durch den nach Osama bin Laden zweithöchsten Vertreter der Terrorgruppe Ayman al-Zawahiri.
Auf den Kopf des gebürtigen Ägypters ist eine Belohnung von 25 Millionen Dollar ausgesetzt. Dennoch stellt er sich online regelrecht für Fragestunden zur Verfügung und hat in diesem Zusammenhang alleine in diesem Jahr schon etwa ein Fünftel von insgesamt 1.888 Anfragen beantwortet - von Anhängern, und Kritikern gleichermaßen.
Einen anderen wichtigen Aspekt der Online-Nutzung stellen die As-Sahab Videos dar. As-Sahab, "die Wolken", eine blumige Umschreibung für die Berghöhen Afghanistans, ist das Propaganda-Filmstudio der Al Qaida. Der Ausstoß dieser Maschinerie hat sich in den letzten Jahren dramatisch erhöht. Wurden in den Jahren 2002 bis 2005 nur 6 bis maximal 16 Videos jährlich produziert, so waren es 2006 schon 58 Videos und 2007 sogar 97. Inzwischen kann man alle drei bis vier Tage mit einem neuen "Werbefilm" rechnen.
Und obwohl Al-Jazeera sich inzwischen weigert, Videos der Terrorgruppe zu veröffentlichen, finden die Filme rege Verbreitung. Dazu trägt wiederum das "al-Fajr Media Center" bei, ein lose aus Dutzenden von "Webmastern" weltweit zusammengesetztes Distributions-Netzwerk, das die mit Untertiteln in vielen verschiedenen Sprachen versehenen Videos weltweit verbreitet.
Die einzelnen Webmaster agieren vermutlich wie anonyme Terrorzellen jeweils in Unkenntnis von den anderen Mitgliedern. Außerdem unterhält al-Fajr "Brigaden", die sich speziellen Aufgaben (Hacking, Multimedia, Sicherheit, Distribution) widmen. Eine derartige Organisation ist kaum zu bremsen. Auch nicht durch radikale Maßnahmen, wie sie US-Senator Joe Lieberman im vergangenen Monat vorgeschlagen hat.
Lieberman forderte, dass von Google beziehungsweise YouTube alle Videos mit Terror-Bezug aus dem Bestand gelöscht werden. Google weigerte sich aber, über seine eigenen Richtlinien hinaus als Zensor tätig zu werden. Man werde Videos nicht einfach löschen, weil ihre Inhalte (in den USA) als unpopulär empfunden werden.
Womit sich ein weiteres Problem andeutet, die verbesserte inhaltliche Qualität der Botschaften. Al Quaida ist es beispielsweise gelungen, regelrechte Stars aufzubauen. So wie etwa den zum Islam konvertierten Kalifornier Adam Gadahn, der heute als "Azzam the American" die Mitglieder und Sympathisanten der Al Qaida über Amerika aufklärt. Seine Videos werden beispielsweise von britischen Ermittlern regelmäßig bei Razzien gefunden und "seine Slogans werden zu Mantras" für die Terror-Jünger.
Aber auch Zawahiri ist für eigene Produktionen verantwortlich. Eine davon, "The Power of Truth", ist besonders populär und kann zumindest in Auszügen auch bei YouTube angesehen werden. Dieser Film macht ein anderes Problem der US-Terror-Bekämpfung deutlich: Die US-Politik selbst liefert das beste Material, um die Islamisten gegen sie einzunehmen.
The Power of Truth verwendet neben Zawahiris Kommentaren fast nur Bildmaterial des US-Fernsehens, in dem US-Soldaten im Irak über den Krieg fluchen, irakische Kinder aus Angst vor brutalen US-Soldaten weinen und Journalisten über die Kriegsprofite von Firmen wie Haliburton sowie deren enge Kontakte zur US-Regierung berichten.
Das alles lässt einen leitenden Forscher am Anti-Terrorismus Center der Militärakademie das vielleicht bedenklichste aller Urteile über die Terror-Werbung fällen: "Es ist handwerlich wunderbar angefertigte Propaganda und es stellt ein Riesenproblem für uns dar. Es bleibt einem nichts anderes übrig als den Kopf zu schütteln und zu sich selbst zu sagen 'Ja, ich glaube, die haben recht'".
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