Wellness Südtirol
In einem Wellnesshotel in Südtirol vom Alltag abschalten und auftanken
24. August 2011
Posted in Internet News
Keine News, aber ein schönes Beispiel dafür, wie Online-Medien und ihre Leserschaft ticken: In den letzten Tagen beschäftigten sich etliche Online-Medien und Blogs mit dem grandiosen Erfolg eines 13-jährigen Nachwuchswissenschaftlers. Der oft als "Genie" bezeichnete Junge hat einen Preis erhalten, weil er einen "Durchbruch" bei der Erzeugung von Solarstrom erreicht hat.
Die Story war toll, sie hatte alles, was eine gute Geschichte ausmacht: Junge wandert durch den Winterwald, entdeckt, dass Eichen ihre Äste nicht regelmäßig entwickeln, findet heraus, dass sich hinter diesem Muster die Fibonacci-Folge (Wikipedia) verbirgt, konstruiert einen Baum aus Solar-Panels und stellt im Experiment fest, dass er damit 20% bis 50% mehr Strom erzeugen kann, als mit einer konventionellen Kontroll-Anordnung.
Wie gesagt, eine echt tolle Geschichte. Auch den genannten Preis gab es tatsächlich. Das New Yorker Museum für Naturgeschichte verleiht alljährlich 12 dieser Preise an Schüler aller Klassenstufen, um sie zu ermutigen, eigene Fragestellungen zu entwickeln, damit sie diesen Fragen dann wissenschaftlich auf den Grund gehen können. Ein anderer Preis dieses Jahres ging beispielsweise an einen Schüler, der dem Gerücht nachgehen wollte, ob Hundezungen wirklich sauberer sind als die von Menschen.
Von einer besonderen Würdigung des Solar-Baums war seitens des Museums nicht die Rede. Die Preise setzen auch nicht voraus, dass die Preisträger alles richtig machen. Sie erhalten vielmehr mit dem Verleih des Preises Hinweise auf mögliche Fehler. Es geht also um eine pädagogische Maßnahme, die der Jugendarbeit des Museums dient und ein klein wenig auch für allgemeine PR-Zwecke gedacht ist.
Was die Online-Medien daraus machten, klang wie eine Sensation. Tatsächlich offenbarten die Berichte, dass ihre Schreiber sich nicht im Mindesten mit dem Thema beschäftigt hatten. Weder aus physikalischer Sicht, noch was die Begleitumstände der Preisverleihung anging. Stattdessen wurde der vom Museum veröffentlichte Aufsatz des Jungen extrahiert und teilweise wurden "Tatsachen" hinzugedichtet. Laut einige Medienberichten erhielt der junge Mann etwa ein US-Patent für seine bahnbrechende Entdeckung.
Dann aber tauchte ein Blog Posting auf, in dem der junge Mann "entlarvt" wurde. Die beiden wichtigsten Fehler laut diesem Posting: 1. Im Experment des 13jährigen wurde statt der erzeugten Leistung die Leerlaufspannung der Solarzellen gemessen, die nahezu konstant ist. Eine Leistungssteigerung konnte also gar nicht gemessen werden. 2. Die zu überprüfende Theorie ist irrational. Wieso sollte eine Baumstruktur, bei der die meisten Panels nicht im optimalen Winkel zur Lichtquelle stehen, mehr Strom erzeugen als die Summe gleich vieler Zellen, die optimal angeordnet sind?
Die abschließende Frage des Blog-Autors: lautete "Wie konnte dieses konfuse Wissenschaftsprojekt es in die internationalen Nachrichten schaffen?"
Die Reaktion der Medien auf diese blamable Korrektur? In den meisten Fällen ließ man die ursprünglichen Artikel über das Wunderkind unverändert. Teilweise erfolgte ein "Update", in dem auf "Kontroversen" hingewiesen wurde, oder sogar von "Fehlern" die Rede war. Zurück blieb dann ein Stück "objektiver Berichterstattung", das folgendem Muster folgt: "genialer Junge erfindet neue Technologie, kritischer Neid-Blogger versucht ihn zu widerlegen. Wir Journalisten kennen die Antwort nicht, wir können nur informieren".
Oder, wie es bei Gizmodo heißt: "Viele Leser haben in ihren Kommentaren angemerkt, dass der Durchbruch des 13 Jahre alten Aidan Dwyer's nichts Neues war. Das ist fair genug. Aber es wäre etwas ganz anderes, wenn ihn jemand total widerlegen könnte. Ein Blogger behauptet, das getan zu haben. Kann sich dazu mal ein Experte melden?"
Die Kommentare wiederum erfolgten ebenfalls erwartungsgemäß. Mehrfach wurde das Lied der modernen Gottesanbeter angestimmt, wonach hinter allem auf Erden eine schöpferische Kraft, ein göttliches Design steckt.
Der Blogger, der die Journalisten und ihre Leserschaft, aber nicht den Jungen enttarnen wollte, wurde als missgünstiger Neider dargestellt. Bestenfalls wurde ihm der Vorwurf gemacht, mit seiner kleinlichen Erbsenzählerei dem Jungen schaden zu wollen, oder ihn zumindest zu demotivieren.
Demotiviert war am Ende der Blogger, der sein Blog archivierte, das fragliche Posting löschte und sich damit aus der Diskussion und aus der aggressiven Öffentlichkeit entfernte. Sein Posting findet man nur noch über Googles Cache. Die falschen Berichte findet man dagegen über Google News und vermutlich werden sich noch in vielen Jahren Google-Benutzer fragen, wieso diese geniale Idee eines Schülers nie umgesetzt wurde.
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