19.01.2004

Online-Abos: Wer liest das eigentlich?

Der Wissenschaftsverlag Reed-Elsevier entgegnete der "Gefahr aus dem Internet" mit der Bündelung von Fachbereichs-Abos. Erst ging die Rechnung auf, doch jetzt rechnen die Unis nach.

Der Wissenschaftsverlag Reed Elsevier kämpft weiterhin mit dem Phänomen "Internet". Auch der Versuch, wissenschaftliche Publikationen online in Fakultäts-Abos zu bündeln, scheint nicht den gewünschten Erfolg zu haben. Vor allem, weil die Verwaltungen der wissenschaftlichen Bibliotheken nun die Möglichkeit haben, die tatsächliche Nutzung der Fachzeitschriften zu überprüfen.

Nach Angaben des Wall Street Journal waren die unter dem Namen "ScienceDirect" gebündelten Online-Aktivitäten des Verlages zunächst ein Beleg dafür, wie innovativ Reed Elsevier doch das Internet in seine Strategien einbezog. Dazu gehörte wohl auch der Plan, die Zeitschriften in fachbereichsbezogenen Abos anzubieten.

So wurden beispielsweise 1.200 Zeitschriften für die Medizinwissenschaft gebündelt. Die Preise pro Zeitschrift näherten sich dabei dem Discount-Niveau. Doch der Preis des Bündels hat es in sich. Und an diesem Preis drehte Reed-Elsevier auch unverdrossen. Um bis zu 7 Prozent wurden die Gebühren jährlich erhöht. Die jährlichen Einnahmen im Bereich der medizinischen Fachzeitschriften verdoppelten sich folgerichtig seit der Einführung von ScienceDirect im Jahr 1999 auf 2,33 Milliarden Dollar im Jahr 2002.

Doch andererseits beginnt diese Stragie auch gegenläufige Reaktionen zu erzeugen. Ein Physik-Professor aus Oldenburg berichtet beispielsweise, dass in einem hoch spezialisierten Bereich der Nuklearphysik gerade 20 ScienceDirect-Beiträge gelesen wurden. Die Kosten betrugen aber angesichts des Abonnements 1.250 Dollar pro Artikel. In Folge wurde das Abo gekündigt.

Und auch in anderen Fakultäten und Universitäten wird die Rechnung aufgemacht. Was wird tatsächlich gelesen und wieviel wird unterm Strich dafür gezahlt? Das Finanzblatt weist in diesem Zusammenhang auf das Beispiel der Cornell University hin, die jährlich 930 Titel im ScienceDirect-Abo bezieht und dafür 1,7 Millionen Dollar zahlt.

Die Verwaltung dort will nun mindestens 150 Zeitschriften aus dem Abo lösen, denn die Online-Nutzung hat aufgedeckt, dass ein Teil der Zeitschriften kein einziges Mal genutzt wird. Das ist der Universität etwas zu wenig, wenn man bedenkt, dass Cornell mit der genannten Geldsumme zwar 2 Prozent aller Abos insgesamt bezahlt, damit aber bereits ein Fünftel des gesamten Etats verplant.

All das schürt die Vorurteile, die in Wissenschaftskreisen gegenüber den Verlagen gepflegt werden (vgl. "Das große Würgen"). Und es verbessert die Chancen von Vorhaben, die ein Modell des "offenen Zugangs" zu wissenschaftlichen Informationen förden.

Dazu zählt in erster Linie das im vergangenen Jahr gestartete Projekt der "Public Library of Science" (PLoS). Dort werden die wissenschaftlichen Inhalte online und auf Papier frei zugänglich gemacht. Die Autoren selbst sind dazu aufgefordert, die Publikation ihrer Artikel durch die Zahlung von 1.500 Dollar zu fördern.

Für die renommierte Verlagswelt ist das der blanke Horror. Aber nicht nur aus dieser Ecke droht den Verlagen Gefahr. Auch die Gesetzesgeber werden zunehmend zur Bedrohung. In den USA wird beispielsweise ein Gesetzesvorhaben diskutiert, das den Urheberschutz für staatlich geförderte Forschung aufheben würde. Derweil wird in Großbritannien diskutiert, wie es um die Erreichbarkeit und nicht zuletzt die Preise für wissenschaftliche Publikationen steht.

Bisher werden solche Entwicklungen von den Verlagen noch heruntergespielt. Doch die seit Anfang des 19. Jahrhunderts gepflegte "heile Welt" der Wissenschaftsverlage scheint in ihrem Bestand ernstlich bedroht.

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