GooOS
In amerikanischen Blogs wird darüber nachgedacht, welchen Weg Google nehmen wird. Wird Google auf Grundlage seines eigenen Betriebssystems zur Konkurrenz für Microsoft?
Die ständig neuen Produktideen in Verbindung mit der an Geheimnistuerei grenzenden Verschwiegenheit Googles sind ein idealer Nährboden für Gerüchte und Spekulationen. Einige Blog-Einträge der letzten Tage lassen aber das Niveau langweiliger SEO-Spekulationen (Search Engine Optimization hinter sich und skizzieren ein Unternehmen, das weit mehr als nur die Suche im Sinn hat.
Wie Rich Skrenta es darstellt, zielen die Google-Konkurrenten derzeit auf die einzelnen Anwendungen Googles ab. Microsoft will eine Suchmaschine entwickeln, die Google in den Schatten stellt. Und Yahoo kopiert fast sklavisch jede Idee, die auf Google zurückgeht.
Derweil ist Google aber weit mehr als nur ein Verbund von Web-, Bilder-, Einkaufs-, Bücher- , oder Usenet-Suchmaschine, der gleichzeitig die Vermarktung von Web Sites übernimmt und neuerdings auch die Individualkommunikation der Anwender neu organisieren und ausschlachten will.
Das alles ist nur möglich, weil Google etwas ganz Neues, Großes aufgebaut hat: Einen riesigen, aus über 100.000 PCs bestehenden Rechner, der mit einem selbst entwickelten Betriebssystem betrieben wird, dem - wie Jason Kottke es nennt - Google Operating System GooOS. Ein System, das nicht nur effizient arbeitet, für jeden Zweck nutzbar ist und jeden Monat schneller wird. Es ist auch noch kostengünstiger, weil es mit Standard-Komponenten betrieben wird.
Diese Plattform beinhaltet ein Potential, das selbst Microsoft gefährlich werden könnte. Kottke wird in diesem Punkt konkret: Was, wenn Google auf Basis von Linux und Gnome ein System für Desktop-Rechner entwickelt, das mit dem GooOS kooperiert und 10 Dollar pro Arbeitsplatz kostet?
Dieses System könnte alle Office-Funktionen integrieren, würde selbsttätig aktualisiert und für alle lokal gespeicherten Daten ein externes Backup bieten. Es würde somit den Anwender vor lästigen Problemen beim Hardware-Umstieg schützen und ganz nebenbei der Team-Arbeit neue Perspektiven eröffnen. Und das System würde sich individuell auf seinen Nutzer ausrichten. Denn es kennt nicht nur seine Arbeit, sondern auch seine Einkaufsgewohnheiten und sein - unter anderem aus den Mails extrahiertes - Privatleben sowie seine sozialen Kontakte (Orkut). GooOS ist nicht nur ein Backup des Anwenderrechners. Es ist auch ein Backup des Anwenders selbst und damit Grundlage einer "echten" virtuellen Realität.
Diese Vorstellungen, die vor allem von Kottke noch weiter ausgeführt werden, sind faszinierend und erschreckend zugleich. Vor allem aber scheinen sie nicht einer gewissen Grundlage zu entbehren.
Der Aufstieg Googles in den letzten Jahren ist alleine schon beachtlich. Vor allem, weil er nicht in den Boom-Jahren erfolgte, sondern im Gegenteil dem Abwärtstrend der Branche trotzen musste. Inzwischen ist Google nicht nur Marktführer unter den Suchmaschinen, sondern vermutlich gleichzeitig der größte Werbeanbieter des Internet.
Immer wieder testet Google neue Anwendungen als Beta-Versionen. Viele davon werden nach einer erstaunlich langen Test-Phase (1 Jahr) integriert. Erstaunlich ist auch, wie Google seinen Mitarbeiterstamm aufbaut und behandelt. Vor allem scheint weiterhin alles auf Expansion ausgerichtet. Jeder Mitarbeiter muss beispielsweise ein Fünftel seiner Zeit für Job-Interviews opfern, also für Neustellungen. Ein weiteres Füntel bleibt für eigene Projekte. Neue Projekte, die Google wieder ausweiten.
Die Medienberichte über die drohende Konkurrenz durch Yahoo und Microsoft, oder den bevorstehenden Börsengang scheinen da schon fast das Thema zu verfehlen, sich an Randthemen festzubeißen.
Google muss keine weitere Suchmaschine fürchten, denn die Web-Suche ist inzwischen nicht mehr zentrales Interesse. Den Börsengang kann Google als Option beibehalten, ist aber keineswegs darauf angewiesen. Keiner der klassischen Gründe für ein IPO sind bei Google zu finden. Liquidität ist beispielsweise kein Thema, denn die Geschwindigkeit, mit der Google nicht nur seine Funktionen, sondern auch seine Umsätze erhöht, ist enorm.
Rückschläge sind allenfalls darin zu sehen, wenn Google wie bei GMail auf Anwenderbedenken stößt. Doch die Loyalität der Google-Nutzer ist beachtlich und wenn Google seinen Vertrauensvorschuss nicht vergeudet, wird auch GMail bald eine der unvermeidbaren Funktionen des Google-Internet.
Kottke wagt daher eine klare Prognose: Google wird in fünf bis acht Jahren das größte und wichtigste Unternehmen der Welt. Google ist für ihn auch das interessanteste Unternehmen weltweit und er ist optimistisch, was das Potential und den weiteren Erfolg Googles angeht. Allerdings ist er auch besorgt über die Aussicht, Google bald für absolut alles zu benutzen: "Ich werde das Google Monopol in fünf Jahren verfluchen". Aber er wird wie andere heute fasziniert zusehen, wie es entsteht.