16.11.2004

ICANN ohne US-Einfluss?

ICANN Chef Paul Twomey überrascht mit einer bisher noch nie in dieser Eindeutigkeit vernommenen Aussage: Im Jahr 2006, wenn der bestehende Vertrag der ICANN mit dem US-Handelministerium ausläuft, sollen alle Verbindungen zur US-Regierung abgebrochen werden.

Die ICANN werde sich dann weder unter die Kontrolle einer nationalen noch einer internationalen Organisation begeben, sondern vielmehr als private Organisation weiter existieren. "Das Internet besteht aus 200.000 privaten Netzwerken, die durch private Übereinkommen miteinander verbunden sind" wird der Australier zitiert. Und weiter: "Die Amerikaner sehen ihre Rolle eindeutig in der Wahrnehmung ihrer Sorgfaltspflicht. Und wenn das abgeschlossen ist, dann sehen sie es nicht mehr als Aufgabe einer Regierung an, das Internet am Laufen zu halten".

Wer die Geschichte der ICANN seit ihrer Entstehung verfolgt hat, wird bei dieser Darstellung vermutlich erst einmal stutzen. Nach Darstellung Twomeys war es also die wahrgenommene Sorgfaltspflicht der US-Regierung unter Bill Clinton, die die Bildung eines Internet International Ad Hoc Committee (IAHC) durch die Veröffentlichung eines Green Paper abrupt und im Ansatz stoppte. Obwohl der damalige Chef des ICANN-Vorläufers IANA, Jon Postel, diese aus den privaten Netzwerken hervorgegangene Entwicklung unterstützte. Dies und auch die Entstehung eines Council of Registrars (CORE), der unter anderem die Entstehung vieler neuer Top Level Domains fördern sollte, um den zunehmenden Engpass vor allem unter .com zu beheben.

All diese Pläne wurden aufgehoben und das US-Handelsministerium übernahm die Regie. Schlagkräftigstes beziehungsweise populistischstes Argument dieses Handstreichs war es, dass die USA die Entwicklung des Internet am stärksten gefördert hatten und damit auch das Recht hatten, seine weiteren Geschicke zu bestimmen.

Doch Twomey scheint einen anderen Blickwinkel auf die Geschichte zu bevorzugen. Vermutlich auch, weil er in zunehmendem Maße eine wichtigere Rolle der ITU und damit der UN befürchten muss. In Genf hat man sich nämlich noch lange nicht von der Idee verabschiedet, dass die internationale Gemeinschaft bei der Verwaltung des Internet eine größere Rolle spielen sollte. Was weder dem US-Handelsministerium noch der ICANN besonders gefallen dürfte.

Vielleicht erklärt das, wieso die lange verhinderte rein private Verwaltung des Internet nun plötzlich als Nahziel Erwähnung findet. Beachten sollte man jedenfalls dabei, dass diese Verwaltung zwar als privat, aber nicht als international bezeichnet wird. In diesem Zusammenhang weist Twomey darauf hin, dass die ICANN sich nicht als Förderer internationaler Forschung (in Sachen Netzwerk-Sicherheit) sieht, sondern als leidenschaftlichen Befürworter internationaler Initiativen sehen will.

Das betrifft dann wohl hauptsächlich das für das Bilanzjahr 2005-2006 nochmal "marginal" gestiegene ICANN-Budget in Höhe von 19,5 Millionen Dollar (2004-2005 15,8 Mio. Dollar). Dieses Budget soll vor allem durch höhere Beiträge der Registrars sowie der nationalen Vergabestellen wie beispielsweise der Denic aufgestockt werden. Das sind wohl die internationalen Initiativen, die man bei der ICANN am meisten schätzt.



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