21.01.2005

Bis zur Grenze des guten Geschmacks und weiter...

Wieder einmal konnte ein professionell erstelltes Werbe-Video, aber dennoch anstößiges Video auf unbekanntem Weg an die Öffentlichkeit geraten. Ein Anzeichen dafür, dass sich mit den nicht autorisierten "viral Videos" eine neue Werbeform etabliert?

Das Video (Quicktime) zeigt eine Szene, wie sie sich beispielsweise irgendwo in London ereignen könnte. Ein junger Mann, vom Aussehen her vielleicht ein Palästinenser, kommt aus einem Haus und steigt in einen VW Polo. Was man eher ahnen als sehen kann: Unter seiner lässig getragenen Uniformjacke trägt er einen Gurt mit Sprengstoff.

Er fährt durch die Stadt, sein Ziel ist offenbar ein Straßencafé, in dem viele Gäste, auch Mütter mit Kindern sitzen. Der Polo bleibt stehen und der Mann betätigt einen Auslöser. Es folgt eine Explosion, die außerhalb des Wagens aber absolut folgenlos bleibt. Der Polo wackelt nicht einmal. Man kann nur ahnen, dass es Blut ist, was innen an der Fensterscheibe gelandet ist. Die Botschaft des Films "Polo. Small but tough". Klein, aber hart im Nehmen.

Es erscheint nachvollziehbar, dass ein solcher Film zumindest in Teilen der Blog-Szene großen Erfolg hat. Bei einer Ausstrahlung des Films im Fernsehen oder bei einer Benutzung im Kino wäre ein Aufschrei der Empörung dagegen vorprogrammiert. Nicht ganz zu unrecht würde man dem Film vorwerfen, dass er bestimmte Bevölkerungsgruppen diskriminiert und herabwürdigt, dass er Hass und Ängste schürt, und dass er ganz allgemein die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet.

Ähnlich verhielt es sich im April vergangenen Jahres, als zwei Spots auftauchten, in denen es um den "Sportska" ging, den "bösen Zwilling" des Ford Ka (vgl.: "Ford distanziert sich..."). Nicht nur Tierschützer waren empört, dass in einem der Spots eine Katze vom Sportska in eine Falle gelockt und vom Seitenfenster enthauptet wurde. Ford jedoch wies jede Verantwortung von sich und Volkswagen will nun mit dem Polo-Video ebenfalls nichts zu tun haben.

Im Unterschied zu den Ford-Clips meldet sich dieses Mal aber ein Verantwortlicher zu Wort. Ein gewisser "Lee", der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, aber unter LeeandDan.com für die Leistungen seiner Agentur wirbt, will den Film für eigene Werbezwecke erstellt haben. Der Spot sei nicht dazu gedacht gewesen, jemals an die Öffentlichkeit zu geraten. Vielmehr habe man ihn für Volkswagen erstellt, um "ihn einem sehr kleinen Publikum zu zeigen, und um Arbeit zu bekommen".

Volkswagen erwägt nun rechtliche Schritte gegen die beiden Kreativen, die sich selbst einen Namen machen wollen. Das klingt plausibel, zumal die Erklärung von Lee and Dan, der Film sei durch einen "Unfall" an die Öffentlichkeit geraten, dann doch etwas fadenscheinig klingt. Gleichzeitig darf man unterstellen, dass den Verantwortlichen des Autoherstellers die Veröffentlichung des Films so unlieb gar nicht sein kann. Immerhin handelt es sich um kostenlose Werbung mit einer unterm Strich durchaus positiven Aussage.

Daher kann man vermuten, dass es auch in Zukunft immer wieder zu "Unfällen" dieser Art kommen wird. Auch wenn die betroffenen Unternehmen dann immer wieder mit rechtlichen Schritten drohen. Letztlich geschädigt im wirtschaftlichen Sinne wird ohnehin nur die Werbebranche.

Denn viele Werbetreibende werden sich in Zukunft schon die Frage stellen, warum es notwendig ist, teuren Werbeplatz beispielsweise im Fernsehen anzumieten, wo doch ein wenig Kreativität in Verbindung mit der Kommunikationsfreudigkeit der Blogger diese Investitionen überflüssig machen kann. Auch wenn vielleicht der gute Geschmack darunter leidet.



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