01.06.2005

ODP-Editoren verhöhnen Webmaster?

Das "Open Directory Project" gerät unter Beschuss. Ein Blog veröffentlicht Screen Shots, die belegen sollen, dass die Editoren des Verzeichnisses sich über URL-Vorschläge lustig machen und die dahinter stehenden Webmaster verhöhnen.

Der Autor des Blogs, möglicherweise selbst ein unzufriedener Editor des Freiwilligen-Verzeichnisses, will dem ODP augenscheinlich schaden. Unter dem Nickname "Ana Thema" (Anathema = Kirchenbann) DMOZ Editors Are Laughing at Your Submissions Behind Closed Doors (Ana Thema), die wahren Zustände beim ODP seien noch viel schlimmer und er sehe von der Veröffentlichung weiterer Screen Shots nur ab, um einen ähnlichen Skandal wie im Fall der Bilder aus dem irakischen Gefängnis "Abu Ghraib" zu vermeiden.

Die Screen Shots sowie die zynisch überspitzte Darstellung machen zumindest eines deutlich: Das ODP beziehungsweise DMOZ.org stehen vor internen Problemen, was allerdings kein unbedingt neuer Zustand ist. Schon kurz nachdem das ODP gegründet worden war, hatte sich bereits herumgesprochen, dass es auch der Bewerbung der eigenen Site förderlich sein kann, freiwilliger Editor des Verzeichnisses zu werden.

Es blieb allerdings auch der Editoren-Gemeinschaft nicht verborgen, dass manche der freiwilligen Helfer bei der Verzeichnispflege das Wohl der eigenen Site oder der Sites von Kunden besonders am Herzen liegt. Es fiel ebenfalls auf, dass gelegentlich unliebsame Konkurrenten auf diesem Weg aus dem Verzeichnis verschwinden konnten. Dass das ODP-Verzeichnis auch heute noch in einer weitgehend integeren Form existiert, darf als Beleg dafür gesehen werden, dass das Projekt es aus sich selbst heraus geschafft hat, solche Auswüchse zu bekämpfen.

Dennoch kann nicht bestritten werden, dass das ODP seine besten Tage gesehen hat. Was sich im übrigen von praktisch allen Verzeichnissen behauptet lässt. Um das zu belegen, genügt ein Vergleich zwischen einer Kopie des Ur-Verzeichnisses Yahoo aus dem Jahr 1998 mit dem heutigen Erscheinungsbild von Yahoo.com. Um auf der Startseite das immer noch vorhandene Verzeichnis zu finden, muss man sich schon fast an das Seitenende bequemen.

Ähnlich verlief auch die Entwicklung bei Google, wo das ODP-Verzeichnis - mit PageRank-Werten versehen - zwar bis heute gespiegelt wird. Doch seit März 2004 wird der Link auf das Verzeichnis nicht mehr auf der Google-Startseite (Nachtrag: google.com) geliefert. Nun ist das "Google Directory" nur noch über einen Link auf einer Unterseite erreichbar.

Man darf in dieser Entwicklung den Hinweis erkennen, dass sich "echte" Suchmaschinen gegen die in Handarbeit erstellten Verzeichnisse durchgesetzt haben. Dabei sah es zur Zeit der ODP-Gründung noch ganz anders aus. Denn damals, im Jahr 1998, entstand das ODP noch unter dem Namen "Newhoo", um die Missstände der damals wichtigsten Suchhilfe Yahoo anzugehen.

Es war damals so gut wie unmöglich geworden, eine Site mit Hilfe einer einfachen Anmeldung in der Verzeichnisstruktur Yahoos einzubringen. Oft hieß es, das inzwischen beschäftigte Heer von Editoren sei überlastet. Manche behaupteten aber auch, dass Yahoo auf die kostenpflichtige Berücksichtigung neuer Sites hinarbeitet.

Die Dominanz der robot-basierten Suchmaschinen zeigte sich dabei schon recht früh. Dennoch behielt gerade das ODP-Verzeichnis noch lange seine Bedeutung. Dazu trug die Übernahme des Verzeichnisses bei Google sicher bei. Noch wichtiger war aber wahrscheinlich, dass ein Eintrag in diesem Verzeichnis als wichtiger Back-Link im Sinne der Suchmaschinen-Optimierung angesehen wurde.

Doch auch in dieser Hinsicht gibt es inzwischen Veränderungen. Ob Links aus Verzeichnissen etwa von Google überhaupt noch berücksichtigt werden, ist beispielsweise fraglich. Noch dazu hat Google laut SearchEngineWatch schon vor einiger Zeit damit begonnen, einzelnen Bereichen unter dmoz.org, dem Google Directory, aber auch aus dem Yahoo-Verzeichnis den PR-Wert "0" zu geben.

Für den Bedeutungsverfall der Verzeichnisse allgemein und dem Open Directory Project im speziellen sind also sowohl innere als auch äußere Faktoren verantwortlich zu machen. Bleibt die Frage, ob diese Situation unveränderlich ist und zum schleichenden Tod des Freiwilligen-Verzeichnisses führen muss.

Sinnvoll wäre es sicher, wie von SearchEngineWatch vorgeschlagen, das gesamte Projekt neu zu überdenken. Der Vergleich mit der Entwicklung bei Wikipedia ist dabei sicher angebracht, denn dort scheint sich die von ODP abgelehnte Editierungsmöglichkeit für alle Anwender trotz aller Bedenken zu bewähren.

Sicherlich sind die Bedenken berechtigt, dass dies zu einer Vielzahl von Spam-Einträgen führen kann. Doch bei Wikipedia gelingt es ja auch, diese Probleme sehr schnell zu beheben. Und es gibt sicher auch weitere Probleme zu diskutieren, wie etwa die Art der Ergebnisspräsentation oder die Strukturierung des Verzeichnisses. Aber auch hier wäre es vielleicht sinnvoll, sich wieder etwas mehr zu öffnen.

Die Diskussion nur für Mitglieder (Editoren) zu öffnen, scheint sich jedenfalls zunehmend zum Problem zu entwickeln. Zumindest das kann das eingangs genannte Beispiel des "Ana Thema" Blogs wohl am besten zeigen.



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