Gerüchte über Joint Venture AOL/MSN
Laut einem Bericht der New York Post befinden sich Microsoft und Time Warner in fortgeschrittenen Gesprächen über ein gemeinsames Vorhaben.
Gestern konnten sich die Verantwortlichen der New York Post über ein ganz besonderes Geschenk freuen: Die Medienlandschaft behandelte das konservative Boulevard-Blatt so, als handele es sich um eine zuverlässige Quelle. Hunderte von Publikationen weltweit übernahmen jedenfalls dankbar die Meldung der New York Post, wonach sich Microsoft und Time Warner in fortgeschrittenen Gesprächen befinden, bei denen es um eine mögliche Verbindung von America Online und dem Microsoft Network ging.
Die Meldung wurde zwar sehr schnell relativiert und als "überzogen" bezeichnet. Doch es wurde nicht in Frage gestellt, dass es Gespräche zwischen beiden Seiten gegeben hat. Das bestätigten jedenfalls etliche - leider namentlich immer unbekannte - "Quellen, die mit den Vorgängen vertraut sind". Microsoft und Time Warner schwiegen sich dagegen aus und verweigerten jede Stellungnahme.
Glaubhaft an den ganzen Gerüchten erscheint es tatsächlich vor allem, dass Gespräche zwischen beiden Seiten stattfinden. Das dürfte auch nicht erst seit gestern der Fall sein, denn das Verhältnis zwischen beiden Seiten war nie so schlecht, wie man es gerne nach außen präsentierte. Noch vor wenigen Jahren ließen sich beide Unternehmen in der Medienöffentlichkeit gerne als "Erzfeinde" titulieren.
Tatsächlich konnte man aber selbst nach der Übernahme Netscapes durch AOL nie den Eindruck loswerden, dass es hier nur scheinbar um Konkurrenzkampf ging. AOL tat in den Folgejahren ja auch sein Bestes, den Microsoft-Konkurrenten und seinen Browser zur Randerscheinung zu machen. Während die AOL-Mitglieder weiter den Microsoft Internet Explorer als Einheitskost vorgesetzt bekamen.
Der Online-Dienst hat dann zwar auch die Mozilla-Stiftung ins Leben gerufen. Doch deren Produkte können erst seit dem Zeitpunkt nennenswerte Marktanteile beanspruchen, seitdem AOL sich aus diesem Engagement wieder zurückgezogen hat. Und auch das fand erst statt, nachdem AOL und Microsoft ihre große Abrechnung abgeschlossen hatten. Microsoft zahlte dem "geliebten Feind" schließlich im Jahr 2003 eine dreiviertel Milliarde Dollar und AOL beeilte sich daraufhin, Mozilla auf eigene Füße zu stellen, d.h. mit einer Spende von 2 Millionen Dollar vor die Tür zu setzen.
Es erscheint auch ansonsten nicht ungewöhnlich, wenn Time Warner mit Microsoft über mögliche gemeinsame Unternehmungen spricht. Schon gar nicht, wenn es dabei um das im Medienkonzern ungeliebte Kind AOL geht. Die Börse würde es schließlich liebend gerne sehen, wenn sich Time Warner von dem Online-Dienst trennen würde. Ist doch der Name "AOL" für Time Warner-Investoren mit der ständigen Erinnerung an die schlimmste Niederlage der Konzerngeschichte verbunden. Viele haben es bis heute nicht verwunden, dass der aufgeblähte New Economy-Star AOL den renommierten Medienkonzern einfach so schlucken konnte, um dann den Time Warner Kurs für Jahre auf eine steile Talfahrt zu schicken. Da wundert es nicht, wenn die Time Warner-Aktie schon einen kleinen Luftsprung (+ 3%) macht, wenn nur über den AOL-Verkauf spekuliert wird.
Kurz: Es gibt nicht erst seit gestern Berührungspunkte zwischen beiden Seiten. Und ein Argument spricht sogar dafür, dass Microsoft großes Interesse an einer Investition haben könnte: Die Suchmaschine Google, die sich mittlerweile in mehrfacher Hinsicht zur echten Konkurrenz für Microsoft entwickelt hat, arbeitet mit AOL zusammen. Diese Zusammenarbeit soll im 1. Halbjahr 2005 sogar für stattliche 11 Prozent der Google-Einnahmen verantwortlich gewesen sein. Würde diese Verbindung getrennt, so geriete dies zum Nachteil Googles. Und das ist sicherlich für Microsoft ein verlockendes Ziel.
Damit sind die Vorteile aber auch schon fast erschöpft, die Microsoft aus einer direkten Kontrollübernahme bei AOL ziehen könnte. America Online besteht grob vereinfacht aus zwei Geschäftsbereichen: Dem Internet- beziehungsweise Online-Zugang einerseits und dem Content-Bereich andererseits.
Aus dem Zugangsgeschäft hat sich MSN in den letzten Jahren zunehmend verabschiedet. In den USA wird zwar noch eine "Dial-Up" Mitgliedschaft angeboten. Doch die Nachfrage nach schnellen Breitband-Zugängen ist stärker und DSL-Kunden "vermittelt" Microsoft nur noch an ein gutes Dutzend von Partnern. Auch bei AOL lahmt dieser Geschäftsbereich. Nicht zuletzt, weil man sich in den letzten Jahren nicht so richtig entscheiden konnte, ob man im DSL-Breitbandgeschäft mitmischen soll, oder nicht. Wobei hierbei sicher eine Rolle spielt, dass Time Warner ebenfalls in seinem Kabelgeschäft Online-Zugänge bietet. Aber dieser Geschäftsbereich hat nichts mit AOL zu tun.
Was die Content-Seite angeht, so klingt es schon beachtlich, wenn Reuters die Rechnung aufstellt, dass AOL und MSN zusammen ein Publikum von 167 Millionen Anwendern erreichen würden. Das würde den bisherigen Marktführer Yahoo (101 Mio.) als auch Google (80 Mio.) in den Schatten stellen. Aber, in der Summe würde das bei AOL und MSN auch "Duplikate" beinhalten, wie Reuters feststellt. Und was noch wichtiger ist: Wenn man eine solche Summe bildet, dann muss man auch von einer Fortführung beider Angebotslinien ausgehen und nicht von einem "Merger" von AOL- und MSN-Content. Doch das wäre gleichzeitig mit doppelten Kosten verbunden.
Man darf daher zusammenfassend folgendes vermuten: Berichte über Gespräche zwischen beiden Seiten sind nicht aus der Luft gegriffen. Es kann auch sein, dass es dabei um eine Intensivierung der Zusammenarbeit geht, wobei gerade die Bereitstellung der MSN-Suche bei AOL anstelle von Googles Suchmaschine sicher für beide Seiten ein interessantes Thema ist. Vielleicht ist das Interesse daran sogar so groß, dass Microsoft eine Investition bei AOL bzw. Time Warner in Erwägung zieht. Ein Engagement Microsofts, das über diese Zusammenarbeit weit hinaus geht und beispielsweise die Übernahme AOLs beinhaltet, erscheint dagegen eher unwahrscheinlich.
Interessant ist in diesem ganzen Zusammenhang aber auch etwas anderes, von dem die New York Post zu berichten wusste: Angeblich haben auch Yahoo und Google Gespräche mit AOL geführt. Und wie CNBC später weiter konkretisierte, soll es bei den Gesprächen mit Google um ein Beteiligung der Suchmaschine bei AOL gegangen sein.
Es verwundert, dass diese Information nicht zu ebenso vielen Gerüchten geführt hat, wie das angebliche Engagement Microsofts. Schließlich hat Google doch eine wohl gefüllte Kriegskasse und seit Monaten wird immer wieder spekuliert, die Suchmaschine wolle in das Provider-Gechäft einsteigen. Mit AOL könnte sich Google diesen Einstieg leicht machen. Aber offenbar will das niemand so richtig glauben.