Google und Microsoft im 'Finale'
Die Bieterschlacht um eine Partnerschaft mit America Online geht offenbar ins Finale. Yahoo steigt aus, Microsoft steht angeblich einem Abschluss am nächsten, aber Google ist auch noch im Spiel.
Seit vielen Wochen schon wird über Gespräche zwischen den genannten Unternehmen spekuliert, wobei "mit den Verhandlungen vertraute Kreise" immer wieder ihre Informations-Häppchen in die Wirtschaftsredaktionen der Medien werfen. Vermutlich erfolgt das nicht ganz ohne Absicht, denn die öffentliche Diskussion um die "Bieterschlacht" dürfte durchaus im Interesse von Time Warner sein, wie nicht nur die New York Times vermutet.
Yahoo scheint nun aber aus diesem Reigen ausgestiegen zu sein. In einer der wenigen Stellungnahmen, die von einem identifizierbaren Teilnehmer ausgeht, meint ein Sprecher des Unternehmens: "Nachdem wir erfahren haben, was ihre (Time Warners) Bedingungen sind, waren wir draußen und schauten uns nicht mehr um". Eine andere Person, die "mit den Gesprächen vertraut ist", aber wie gehabt ungenannt bleiben will, beschreibt die Wahrnehmung aus der Perspektive Time Warners. Dort habe man signalisiert, dass man am Angebot Yahoos nicht interessiert sei. Es war also zu niedrig.
Somit dürfte es in den weiteren Verhandlungen nur noch darum gehen, ob Microsoft beziehungsweise Google - eventuell in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk-Betreiber Comcast - eine Einigung mit Time Warner finden können. Gegenstand eines solchen Vertrages dürfte es voraussichtlich in erster Linie sein, das Portal-Geschäft von America Online gemeinsam zu betreiben. Wobei Microsoft oder Google für eine solche Kooperation ein erkleckliches Sümmchen auf den Tisch legen müssen, um ihr Mitsprachrecht zu erkaufen.
Doch nach wie vor für besteht für die beiden Konkurrenten auch der besondere Anreiz an dem Geschäft, dass die Werbeeinnahmen Googles zu 11 Prozent über AOL produziert werden. Dieses Geschäft würde Google sicher gerne behalten und Microsoft würde es sich gerne dem Wettbewerber wegschnappen.
Aber die Frage ist natürlich auch, wie hoch die Forderungen sind, die Time Warner an die beiden Kandidaten richtet. Nach dem Ausstieg Yahoos, das sicher auch gerne die Werbeeinnahmen Googles "übernommen" hätte, darf man von sehr hohen Erwartungen des AOL-Eigentümers ausgehen.
Für Google vielleicht sogar zu hoch, denn es wird behauptet, Microsoft und Time Warner seien sich inzwischen sehr nahe gekommen. Allerdings steht Microsoft auch vor dem Problem einer Umstrukturierung gigantischen Ausmaßes. Das war jedenfalls den "vertraulichen Dokumenten" von Bill Gates und Ray Ozzie zu entnehmen, die in den letzten Tagen an die Öffentlichkeit gerieten.
Auch bei diesem "Bekanntwerden" muss man sich zwar fragen, ob mit Absicht ein Informationsleck aufgebohrt wurde. Allerdings scheint sich die neue Marschrichtung Microsofts auch in den jüngsten Entwicklungen zu bestätigen. Denn gerade erst wurde bekannt, dass Microsoft einen Vertrag mit AP geschlossen hat, um gemeinsam ein "Video News Network" zu starten. Kern des Vertrages ist es, dass Microsoft die technischen Grundlagen für die Online-Verbreitung der AP-Nachrichtenvideos aufbaut und beide Seiten sich die Werbeeinnahmen teilen.
Ein solcher werbefinanzierter Dienst passt sehr gut zu der neuen Marschrichtung, die Microsoft eingeschlagen hat. Ein solcher Dienst würde sich auch hervorragend in eine Portal-Umgebung wie jener von MSN oder AOL einfügen.
Allerdings hat AOL ebenfalls gestern einen ähnlichen Dienst mit CBSnews.com geschlossen. Auch dort geht es um die werbefinanzierte Distribution von Nachrichtenfilmen. Der neue Deal mit AOL ist für Microsoft also ein neuer Anreiz, in das Geschäft mit AOL einzusteigen. Aber kein Pfund, mit dem sich gegenüber Time Warner wuchern lässt.